Prof. Dr. O. Jastrow

 

I. Definition des Fachs

Die Aufgabe des Fachs Semitistik ist die Erforschung der semitischen Sprachen und Kulturen vom Beginn ihrer schriftlichen Überlieferung um 2500 v. Chr. bis zur Gegenwart. Zu den semitischen Sprachen gehören so bedeutende Kultursprachen wie Akkadisch, Hebräisch, Aramäisch, Äthiopisch und Arabisch, unter denen sich auch die Ursprachen von Judentum, Christentum und Islam befinden. Das Fortleben der meisten dieser semitischen Sprachen bis in die Gegenwart hinein unterscheidet die Semitistik von anderen Fächern wie etwa der Assyriologie oder der Ägyptologie, die sich ausschießlich mit toten Sprachen befassen. Bei den Sprachen der Gegenwart unterscheidet man zwischen den modernen Schriftsprachen, wie z.B. Modernem Hocharabisch, Ivrit und Amharisch, und den schriftlosen, nur mündlich Überlieferten Sprachen und Dialekten, die teilweise ältestes semitisches Material bis heute bewahrt haben, wie etwa den arabischen Dialekten, den neuaramäischen Sprachen, den neusüdarabischen Sprachen sowie einem Teil der neuäthiopischen Sprachen. Da die meisten semitischen Sprachen nicht nur diachronisch (ältere und jüngere Sprachstufen), sondern auch diatopisch (Dialekte) in zahlreiche Varietäten zerfallen, ergibt sich insgesamt eine große Zahl von Sprachformen, die gleichrangig zu pflegen keiner Universität möglich ist. Eine gewisse Schwerpunktbildung in Forschung und Lehre ist daher unerläßlich.

 

II. Schwerpunkte der Semitistik in Erlangen

Das Akkadische, mit seinen beiden Zweigen Assyrisch und Babylonisch die älteste semitische Sprache, wird traditionellerweise nicht im Rahmen der Semitistik, sondern in dem eigenständigen Fach Assyriologie behandelt. Das Hebräische wird an der Theologischen Fakultät in regelmäßigen Sprachkursen vermittelt, weshalb am Lehrstuhl Semitistik keine Einführungen gehalten werden, das Hebräische aber Gegenstand sprachwissenschaftlicher Seminare ist. Demgegenüber wird das Aramäische in seinen sämtlichen Erscheinungsformen in Forschung und Lehre berücksichtigt (aramäische Epigraphik, Altsyrisch, Biblisch-Aramäisch, Mandäisch, neuaramäische Sprachen). Die Erlanger Semitistik ist sprachwissenschaftlich ausgerichtet und hat einen besonderen Schwerpunkt in der Erforschung der schriftlosen semitischen Sprachen der Gegenwart. Der Umfang der unter der Ägide von Prof. Dr. O. Jastrow auf diesem Gebiet betriebenen Primärforschung (Feldforschung) wurde an keinem anderen semitistischen Lehrstuhl oder Forschungsinstitut erreicht. Bisher konzentrierten sich die Forschungsarbeiten auf die beiden Bereiche Arabische Dialekte und Neuaramäische Sprachen; ein weiteres Forschungsgebiet, das in Zukunft ausgebaut werden sollte, sind die Neusüdarabischen Sprachen. Am Lehrstuhl werden folgende Zeitschriften und Reihen herausgegeben:

 

III. Durchgeführte und geplante Forschungsprojekte

 

A. Aramäisch

 

O. Jastrow:

Feldforschungen in der Türkei, Syrien und dem Libanon zum neuaramäischen Dialekt von Mlahsô

Entwicklung von Unterrichtsmaterialien für die Tûrôyo-Sprache unter Mitarbeit von Muttersprachlern

O. Jastrow / Sh. Talay:

Feldforschung in Deutschland zu den neuaramäischen Dialekten von Hassana, Harbole, Jinet, Dera, Nerwa und Midyat

J. Sinha:

Feldforschungen in Frankreich zum neuaramäischen Dialekt von Bespin im Rahmen einer Dissertation bei Prof. Jastrow, gefödert von DAAD und Villigst-Stiftung

W. Arnold:

Feldforschungen in Syrien zum Neuwestaramäischen, gefördert von DAAD und DFG

O. Jastrow / Sh. Talay:

Wörterbuch der Tûrôyo-Sprache

Feldforschungen in Syrien zu den neuaramäischen Dialekten der Assyrer am Khabur (Nordost-Syrien), gefördert durch die DFG und durch ein Post-Dok-Stipendium vom DAAD. - Habitilationsschrift

Sh. Talay:

Feldforschung in Syrien (DAAD) und Chicago (DFG) zu den christlich-neuaramäischen Dialekten im Irak

 

B. Arabische Dialektologie

 

O. Jastrow:

Feldforschung in Israel zu den arabischen Dialekten der Juden des Irak (`Aqra, Arbil, Sandor, Kirkuk), gefördert von der DFG

Feldforschungen in der Türkei und in Deutschland zu den arabischen qeltu-Dialekten der Südost-Türkei, gefördert von der DFG

O. Jastrow / P. Behnstedt / R. Talmon:

Feldforschungen in Israel zu den arabischen Dialekten Galiläas, gefördert von der German Israeli Foundation (GIF)

P. Behnstedt:

Dialektgeographische Feldforschungen in Syrien zur Erstellung eines Sprachatlasses, gefördert von DAAD und DFG

W. Arnold / P. Behnstedt:

Sprachkontaktstudien in Syrien (Qalamun), gefördert von DAAD und DFG

W. Arnold:

Feldforschungen in Deutschland zu den arabischen Dialekten der türkischen Provinz Hatay (Habilschrift)

M. Wittrich-Pfänder:

Feldforschungen in Deutschland zum arabischen Dialekt von Azex (Südost- Türkei), im Rahmen einer Dissertation bei Prof. Jastrow

Sh. Talay:

Feldforschungen in Syrien zum arabischen Dialekt von Khatuniyya, im Rahmen einer Dissertation bei Prof. Jastrow, gefördert durch ein Graduiertenstipendium der Univ. Heidelberg

U. Seeger:

Feldforschungen zu den arabischen Dialekten in Khorasan (Iran), geplante Dissertation bei Prof. Jastrow

Feldforschungen in Palästina zum arabischen Dialekt von Hebron/Al-Khalil, abgeschlossene Magisterarbeit bei Prof. Jastrow

Sabine Dankha-Mehring:

Feldforschungen in Deutschland zum arabischen Dialekt der Christen von Mardin (Türkei), geplante Dissertation bei Prof. Jastrow

Sabine Gralla:

Feldforschung in Syrien zum arabischen Dialekt von Nabk im Rahmen einer abgeschlossenen Dissertation bei Prof. Jastrow, gefördert durch ein Stipendium des Evangelischen Studienwerkes e.V. Villigst

Sh. Talay:

Feldforschung in Deutschland zum arabischen Dialekt von Hasköy (Der Khas, Ostanatolien) und zu weiteren anatolischen qeltu-Dialekten.

 

C. Neusüdarabisch

 

W. Arnold:

Feldforschungen in Jordanien und Oman zu den neusüdarabischen Sprachen Jibbali, Mehri und Hóbyót, gefördert von der DFG.