Internationale Tagung zu Ehren des bekannten Erlanger Arabisten Prof. Dr. Wolfdietrich Fischer

von Magda Luthay, M.A.

Die Universitätsstadt Erlangen war vom 02.07.-05.07.2008 Treffpunkt renommierter Islamwissenschaftler und Arabisten. Der Lehrstuhl für Orientalische Philologie veranstaltete anlässlich des 80. Geburtstages von Wolfdietrich Fischer eine dreitägige Konferenz, die sich mit den vielen Facetten der arabischen Sprache beschäftigte. Neben zahlreichen Weggefährten des Jubilars referierten auch viele ehemalige Studenten, die inzwischen selbst erfolgreich wissenschaftlich tätig sind.

„Fischers Verdienste um die arabische Linguistik und Philologie aufzählen zu wollen, hieße Datteln nach Basra zu tragen.“
Treffender als Hartmut Bobzin, Professor für Islamwissenschaft und Semitische Philologie in Erlangen, kann man die wissenschaftlichen Leistungen des bedeutenden Arabisten Wolfdietrich Fischer kaum beschreiben. Wolfdietrich Fischer prägte mit seinen Grundlagenwerken zu arabischer Philologie, Grammatik und Dichtung maßgeblich die deutsche Arabistik, die damit internationales Ansehen gewann.

Prof. Fischer in AktionAngelika Neuwirth und Hartmut Bobzin

Der langjährige Inhaber des Lehrstuhls für Orientalische Philologie (1964-1995) an der Friedrich Alexander-Universität in Erlangen gehört zu den wenigen Persönlichkeiten seines Faches, die die sprachwissenschaftliche Forschung neu definiert haben. Sein Erfolg begann schon mit seiner 1959 veröffentlichten Dissertation Die demonstrativen Bildungen der neuarabischen Dialekte. Ein Beitrag zur historischen Grammatik des Arabischen (1953 unter der Betreuung von Hans Wehr). Mit diesem Werk setzte Wolfdietrich Fischer wesentliche Impulse in der arabischen Linguistik.

Neben der intensiven Beschäftigung mit der Dialektologie zeichnet sich Fischers wissenschaftliche Arbeit v. a. durch fundierte grammatikalische Untersuchungen aus. Dabei nahm die Berücksichtigung der einheimischen, grammatikalischen Tradition der Araber einen wesentlichen Stellenwert ein. Wolfdietrich Fischer war überzeugt, dass man die strukturellen Eigenschaften dieser semitischen Sprache erst von diesem Blickwinkel aus richtig erfassen könne. Ein bis dato völlig neuer Ansatz im Bereich der Semitischen Philologie.

Wolfdietrich Fischer ist Autor und Herausgeber einer beeindruckenden Anzahl von Publikationen, die an dieser Stelle nur skizziert werden können. Zusammen mit Otto Jastrow und Hartmut Bobzin gründete er im Jahre 1977 die Zeitschrift für Arabische Linguistik. Drei Jahre später veröffentlichte er in Zusammenarbeit mit Otto Jastrow, übrigens seinem Lehrstuhlnachfolger (1996-2007), das weltweit einmalige Handbuch der Arabischen Dialekte. Ebenso gehört sein Grundriß der Arabischen Philologie (GAP, 1982), zu den Standard-Nachschlagewerken für jeden, der sich fundiert wissenschaftlich mit der arabischen Sprache auseinander setzen möchte. Als Referenzwerk gilt außerdem Fischers inzwischen in vierter Auflage erschienene Grammatik des Klassischen Arabisch. Hier findet der Leser umfassende Informationen zu Phonologie, Morphologie und besonderen syntaktischen Strukturen des Klassischen Arabisch.

Einen weiteren Meilenstein seiner Karriere als akademischer Lehrer markierte seine Neukonzeption der didaktischen Sprachausbildung. Bis Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war der Arabischunterricht meist synonym mit dem Klassisch-Arabischen. Im Fokus von Wolfdietrich Fischers Überlegungen stand die Vermittlung des sog. Modernen Standardarabisch, d. h. der Sprache von Presse und Literatur in den Mittelpunkt zu stellen. Zusammen mit Otto Jastrow konzipierte und veröffentlichte er 1977 den Lehrgang der arabischen Schriftsprache der Gegenwart. Noch heute bildet dieses Werk für viele Arabischstudenten die wichtigste Basis bei der Erlernung dieser anspruchsvollen Sprache. Auch mit seinen 80 Jahren ist Wolfdietrich Fischer noch immer ein begeisterter,  engagierter Wissenschaftler und stets neuen Phänomenen der arabischen Sprache auf der Spur. Sein jüngstes Projekt ist ein weiterer Band zu Untersuchungen im Bereich der arabischen Syntax. Und, so verriet er: Es gebe ja noch so vieles in dieser interessanten Sprache, das er analysieren wolle. So überraschte es nicht weiter, dass der Jubilar drei Tage lang allen Vorträge der Konferenz intensiv und höchst interessiert folgte. Dabei verblüffte er die anwesenden Hörer sehr oft durch scharfsinnige Rückfragen und fundiert durchdachte, kritische Anmerkungen.

Die Konferenz, die mit freundlicher Unterstützung der Fritz-Thyssen-Stiftung organisiert wurde, stand dabei ganz im Zeichen der Trias „Grammatik, Dichtung, Dialekte“. Die Vorträge der über 25 Referenten, die teilweise aus den USA, Israel oder Syrien angereist waren, beschäftigten sich mit den unterschiedlichsten Sphären der Arabistik.

Die verschiedenen Präsentationen spannten den Bogen von „Altorientalisches im arabischen Wortschatz“ (Prof. Dr. Manfred Krebernik/Jena) sowie „Hellenistische Züge  der vorislamisch arabischen Dichtung“ (Prof. Dr. Georges Tamer/Ohio) bis hin zu komplexen philologischen Fragestellungen.
So erörterte Prof. Dr. Simon Hopkins aus Jerusalem das Phänomen der „Diglossia in early Arabic“. Prof. Dr. Zafer Youssef, Leiter des Sprachenzentrums an der Universität von Aleppo/Syrien, informierte über aktuelle Forschungsergebnisse im Bereich der vierradikaligen Verben in der modernen arabischen Schriftsprache.

Auch die Vorträge zu literarischen Themen wie die Schilderungen von Prof. Dr. Werner Diem (Universität Köln) zu „Das Mantelgedicht Ka´b b. Zuhayrs: Gedichttext und Kommentare“ oder die „Bemerkungen zur arabischen Lexikographie der Nahda“ von Prof. Dr. Dagmar Glass aus Bonn bereicherten das Konferenzprogramm. Und dass in der Mamlukenzeit die Bereiche Poesie und Politik eine durchaus interessante Symbiose bildeten, erläuterte Prof. Dr. Thomas Bauer aus Münster in seinen Ausführungen zu „Ibn Nubata (1287-1366) und der Fürst von Hama“.
Die anspruchsvollen Beiträge sensibilisierten außerdem viele Studenten dafür, dass die arabische Sprache oft auch dort anzutreffen ist, wo man sie gar nicht vermutet.

So zeigte PD Dr. Shabo Talay in seinem fundierten und dennoch angenehm kurzweiligen Vortrag „Besonderheiten peripherer arabischer Dialekte – am Beispiel von Hasköy (Anatolien) und Usbekistan“ wie eng historische und linguistische Entwicklungen miteinander verwoben sind. Für Semitisten und Linguisten sind v. a. die philologischen Analysen dieser urtümlich anmutenden Dialekte höchst interessant. Wolfdietrich Fischers hervorragender Artikel „Die Sprache der arabischen Sprachinsel in Uzbekistan“ aus dem Jahre 1961 gilt übrigens bis zum heutigen Tag als beste grammatikalische Skizze des Usbekistan-Arabischen. Diese Veröffentlichung gehört neben den weiteren umfangreichen Arbeiten von Otto Jastrow zu den wichtigsten Grundlagen in der  Erforschung der arabischen Dialekte Zentralasiens.

Shabo Talay gelang in seinem Vortrag ein anschaulicher Vergleich beider Sprachinseln. Ich beschränke mich an dieser Stelle jedoch auf einige übergeordnete Zusammenhänge, die auch dem sprachwissenschaftlich unkundigen Leser eine Einordnung ermöglichen. Im Zuge der Eroberung und Islamisierung neuer Gebiete von Andalusien bis nach Kleinasien ab dem 1. Jahrhundert nach der hidschra, erlangte das mündliche Arabisch neue Bedeutung.Erst als persische, türkische und mongolische Völker diese Territorien wieder unterwerfen konnten, wurden die Araber und ihre Sprache allmählich wieder in ihr Kerngebiet zurückgedrängt. Dennoch verblieben in diesen, von der arabischen Welt isolierten  Regionen vereinzelte arabische Sprachinseln mit wenigen Tausend Sprechern. Dazu gehören neben den Gebieten in Zentralasien auch die Regionen um Mardin und Hasköy im heutigen Ostanatolien. Eine Gemeinsamkeit dieser Dialektregionen ist der fehlende Einfluss der arabischen Hochsprache in der Sprachentwicklung. Dennoch weisen sie Ähnlichkeiten auf wie die Verwendung von Lehnwörtern oder grammatikalischer Strukturen aus den jeweiligen Kontaktsprachen. In Usbekistan sind dies die Turksprachen Usbekisch, Turkmenisch oder Tadschikisch, in Anatolien ist es Persisch, Kurdisch und Türkisch.

Ob diese ehemaligen Sprachstrukturen in den Gebieten von Afghanistan und Usbekistan heute noch lebendig sind, darüber gibt es kaum zuverlässige Quellen. Im Falle der arabischen Dialekte Ostanatoliens führt die allmähliche Erschließung der einstigen Bergdörfer und eine moderne Infrastruktur zu einem Verlust dieses linguistischen Relikts. Auch die einst arabisch sprechende Bevölkerung von Hasköy hat sich längst dem Türkischen und Kurdischen zugewandt.

Dass die arabische Sprache nicht nur in gesprochener Form durch Schönheit und Eleganz verzaubert, veranschaulichte Dr. Claudia Otts lebendiger Vortrag über „Arabische Sprichwörter und Gedichte als Inschriftenprogramm“. Die, u. a. durch ihre Neuübersetzung von Tausendundeine Nacht bekannte Arabistin erläuterte das enorme Prestige der arabischen Schrift als zentrales Element bei der Verzierung von architektonischen Objekten. Dabei galt ihr Augenmerk ausdrücklich nicht den sog. Monumentalinschriften, z. B. in Moscheen  und anderen öffentlichen Gebäuden. Sondern gerade die gezielte Textauswahl in den Empfangssälen großer Privathäuser enthält vielfach versteckte Botschaften, die den Hausbesitzer und sein Lebensmotto treffend charakterisieren. Ausgewählte Zitate aus Literatur und Gedichten, Koran und Bibelstellen oder die Verzierung durch Sprichwörter prägen die Atmosphäre eines Raumes und verfehlen vielfach ihre Signalwirkung nicht. Sätze wie „Wer sich fürchtet, verliert – wer wagt, gewinnt“ oder „Selbstgefälligkeit ist ein Zeichen für die Schwäche des Geistes“ sind nur zwei Beispiele aus den über 400 prächtig verzierten Inschriften im sog. Aleppozimmer des syrischen Christen Isa b. Butrus. Diese repräsentative, über 35 m lange und 2,5 m hohe Holztäfelung aus dem Jahre 1600 ist heute im Museum für islamische Kunst in Berlin ausgestellt. Claudia Ott verglich in ihrem Vortrag die Besonderheiten des christlichen Aleppozimmers mit den wesentlichen Charakteristika des islamischen Damaskuszimmers, das heute im Dresdner Völkerkundemuseum zu bewundern ist. Ihr Vortrag stellte u. a. heraus, dass die Verwendung der arabischen Schrift als kunstvolles Ornament weit mehr bedeutet als nur eine künstlerische Komponente. Gerade die inhaltliche Auswahl der Inschriftentexte erlaubt interessante kulturhistorische Einblicke. So wählte der Hausherr des Damaskuszimmers im Jahre 1810 zwar die zehn Anfangsverse eines Gedichts, dass dem muslimischen Theologen Muhammad al-Ghazali (1058-1111) zugeordnet wird. Jedoch beinhaltet keiner dieser prunkvoll vergoldeten Verse spezifisch islamische Glaubensinhalte oder die ausdrückliche Nennung des Propheten Mohammed. Diese geschickte Methode vermittelt dem Besucher zwar die religiöse Zugehörigkeit des Hausherrn, brüskiert jedoch keine Andersgläubigen.

Die Themen Islam, Koran und Christentum standen auch im Fokus des Abschlussvortrags der bekannten Koranforscherin Prof. Dr. Angelika Neuwirth aus Berlin. Die Leiterin des „Corpus Coranicum“ Projekts an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften widmete sich in ihrem öffentlichen Abendvortrag dem Thema „Der Koran, europäisch gelesen: Ein spätantiker Text in poetisch-arabischer Sprache“. Angelika Neuwirth machte vor den rund 100 interessierten Anwesenden deutlich, es gehe in ihrer Herangehensweise an die Heilige Schrift der Muslime nicht primär um isolierte philologische Analysen oder selektive Interpretationen. Vielmehr beschäftige sie sich mit dem Aspekt: Der Koran als zeitgeschichtliches Dokument. Dabei versucht die Islamwissenschaftlerin inhaltliche Parallelen zwischen jüdischen und christlichen Schriften exemplarisch herauszustellen. So könne man, ihren Darstellungen zufolge, gut nachvollziehen, dass viele Passagen im Koran sehr wohl zahlreiche Parallelen zum Alten Testaments aufweisen, oder auch Vorstellungen des rabbinischen Judentums widerspiegeln. Die ältesten Suren stünden z. B. dem Alten Testament nahe. Der Koran greife demnach auf ältere Schriften zurück um neue Aussagen zu formulieren. Im Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit der Auseinandersetzung mit dem Koran, steht die Einordnung des heiligen Buches als ein Dokument der spätantiken Welt. Im Kern dürfte es jedoch erneut um die Frage gehen, wie und unter welchen Einflüssen der Koran entstanden ist und: Wie er denn nun verstanden, gelesen und interpretiert werden solle.

An dieser Stelle dürfen wir darauf hinweisen, dass der Lehrstuhl für Orientalische Philologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen plant, die Beiträge der Referenten in einem Konferenzband zu veröffentlichen.